Edel & Natürlich
Irlands Grüne Gin-Destillen

Wer mit Irland etwas anderes als Whiskey in Verbindung bringt, ist entweder ein überzeugter Butter-Fan – oder ein versierter Gin-Kenner! Seit einigen Jahren steht die grüne Insel für die Walcholder-Spirituose wie kaum 
eine andere Region auf der Welt. Raue Seeluft, lokale Botanicals, aber auch mutige Produzenten sorgen für Gin der preisgekrönten Extraklasse und lassen Destillerien wie Pilze aus dem Boden schießen. 

 Als ich 2019 (das Jahr, in dem Corona weltweit noch als Bier bekannt war) nach Dublin kam, zog es mich ganz selbstverständlich in eine der vielen außergewöhnlichen Whiskeykneipen der irischen Hauptstadt. Im „Jack Ryan’s Beggars Bush“, vis-a-vis einer ehemaligen englischen Kaserne, lernte ich die Vorzüge des Nationalgetränks kennen und arbeitete mich wacker durch weite Teile der umfangreichen Whiskey-Karte. Schon seit 1803 versorgt der Pub die Bewohner des Viertels und die Soldaten mit Bier und dem Getränk, dessen Namen dem gälischen uisce beatha entstammt. Ob sie da schon irischen Gin tranken, ist nicht überliefert. Möglich ist es in jedem Fall.  

Allerdings verlieren sich schnell die Spuren der Wacholder-Spirituose, denn schlussendlich dreht und drehte sich auf der grünen Insel alles um die fachgerechte Produktion von Whiskey. Gleichwohl darf vermutet werden, dass schon in der „Old Kilbeggan Distillery“, der nachweislich ältesten irischen Destille von 1757, auch Gin produziert wurde – aber wann genau, weiß man tatsächlich nicht so richtig.

Was man indes weiß: Irland erlebt eine Gin-­Revolution (wenn auch, zugegeben, eine kleine). In den zurückliegenden Jahren machten überall im Land neue Craft-Gin-Destillerien auf, die tatsächlich nicht nur auf der Insel, sondern weltweit für Furore sorgten: Anfang 2019 wurde Dingle Gin zum Besten seiner Art weltweit gekürt – hätte ich das seinerzeit gewusst, wer weiß, ob ich in Dublin bei Whiskey versackt wäre …

Jedenfalls gibt es seit Jahren eine ausgewiesene Gin-Kultur auf der Whiskey-Insel, und das war augenscheinlich Grund genug, dass die Tourismusbehörde Tourism Ireland eine „Gin Distillery Map“ aufgelegt hat. Sobald die pandemiebedingten Reiseregularien wieder einen Ausflug dorthin erlauben, sollte jeder Gin- und Irlandfreund diese Landkarte beizeiten abfahren. 

Die 22 Etappen der „All-Irish Gin Tour“ führen praktisch einmal um die Insel: Sie beginnt im Nordwesten im Donegal County, führt dann über die Ostküste vorbei an Dublin und endet tief im Süden in Cork, wo gleich drei Destillen auf den interessierten Reisenden warten. 

Stichwort „Craft-Gin-Destillerien“: Frisch aufgenommen in die Tour de Gin wurde beispielsweise die „Skellig Six18 Distillery“, benannt nach Skellig Michael, jenem rauen Felsgebilde am Ring of Kerry. Die Insel mit dem Kloster aus dem 7. Jahrhundert ist UNESCO-Weltkulturerbe. Diese Ehre wird dem Gin vermutlich verwehrt bleiben, verdient aber hätte er es durchaus.

 Nicht weit von der Skellig Six18 Distillery liegt die alteingesessene „Dingle Distillery“, einer der Vorreiter des Craft-Gin-Booms in Irland. In Nordirland, was ja bekanntlich zu Großbritannien und nunmehr zum EU-Ausland gehört, ist es wiederum die „Copeland Distillery“ im County Down, die 2019 neu eröffnete. Sie verarbeitet in ihrem würzigen „Copeland Traditional Irish Gin“ zwölf ausgewählte Pflanzen der Region, unter ihnen Kiefernnadeln und gewürfelte Beeren. Gleich nebenan produziert die „Hinch Distillery“ ihren Ninth Wave Irish Gin, der erst in letzten Jahr reüssierte und bereits preisgekrönt ist. 

Die Geburt des Craft Gin

Einer etablierten Destillerie der Insel entstammt der Shortcross Gin, berühmt für seinen außergewöhnlich weichen Geschmack. Nordirlands erster Craft Gin wurde 2012 vom Ehepaar Fiona und David Boyd-Armstrong in ihrem historischen Anwesen kreiert. Auf Rademon Estate befindet sich ihre stilvolle Brennerei, mit der klassischen kupfernen Blase im Destillationsraum, einem angegliedertem modernen Besuchergebäude und einer kleinen Bar zum Tasting. 

Eindrucksvolle Erlebnis-Angebote gehören mittlerweile zum festen Repertoire der Gin-Erzeuger, das Spektrum reicht von angeleiteten Tastings bis zu experimentellen Eigen-Destillationen. Mit professionellen Führungen, Gin-
Workshops und botanischer Kräuterkunde zeigen sich die Produzenten äußerst ideenreich, um die delikate Geschichte des Gins in vielen Einzelheiten zu erzählen. Sie offenbaren die vielfältigen Geschmacksrichtungen der hochklassigen Spirituosen, erklären aber auch die Techniken des Produktionsprozesses und die Funktionsweise der Destillationsapparate, in denen sich die ganze Magie der inspirierten Crafter entfaltet.

Ausgewiesene Fans der Wacholder-Spirituose, die ihren Gin irgendwann einmal selbst kreieren wollen, sollten zwingend die „Listoke Distillery and Gin School“ besuchen. Sie liegt im Louth County, in Irlands historischem Osten, und ist ein absolutes Highlight – und das nicht nur wegen des hochgelobten und feinen „Listoke 1777“. Die Gin School zieht Gin-Liebhaber aus aller Welt an, Experten verraten dort die handwerklichen Geheimnisse, Kräuterkundliches sowie alle Ingredienzien, die dem eigenen Gin die exklusive Note geben. Eine Flasche für den Heimweg ist obligat.

Was ist eigentlich Gin?

Das ist formal schnell erklärt, denn die EU hat in einer Spirituosenverordnung ginklar definiert, was Gin ist und welche offiziellen Sorten es gibt. In der überarbeiteten Verordnung vom Mai 2019 heißt es u. a.: „Gin ist eine Spirituose, die durch Aromatisieren von Ethylalkohol landwirtschaftlichen Ursprungs mit Wacholderbeeren (Juniperus communis L.) hergestellt wird. Ihr Mindestalkoholgehalt beträgt 37,5 % Vol. Bei der Herstellung von Gin dürfen nur Aromastoffe und/oder Aromaextrakte verwendet werden, wobei der Geschmack nach Wacholder vorherrschend bleiben muss. Die Bezeichnung ,Gin‘ darf grundsätzlich durch den Begriff ,dry‘ ergänzt werden, wenn der Gehalt zugesetzter süßender Erzeugnisse nicht mehr als 0,1 g/Liter des Fertigerzeugnisses beträgt“. Noch Fragen?

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