Maßschneider Oliver Zaurins
Aus Erfahrung perfekt

Maßschneider Oliver Zaurins
Aus Erfahrung perfekt


VON MICHAEL GRAUL MIT FOTOS VON TIMM SPECHT

Ein Stück London mitten in Hamburg, von Bond-Motiven bis Big-Ben-Sound als Türglocke: Seit 2006 hat Oliver Zaurins, vollausgebildeter Schneidermeister, sein eigenes Geschäft in der Rathausstraße: „Zaurins The Tailor“.

Welcome to the Empire! Jeder, der das Geschäft von Oliver Zaurins betritt, hat augenblicklich das Gefühl, den Boden der Freien und Hansestadt Hamburg verlassen zu haben und plötzlich in der Savile Row in Mayfair im Londoner Stadtbezirk City of Westminster wieder aufzutauchen – und das liegt nicht nur an der Melodie, die zu hören ist, sobald sich die Tür öffnet: Mit jedem Kunden, der das Geschäft betritt, ertönt der weltberühmte Big-Ben-Glockenton, der in London zu jeder Viertelstunde zu hören ist. Indeed, it’s very, very British in here. 

Das Interieur: dunkles Holz, elegante Einrichtung, gediegenes Ambiente. An den Wänden ­Bilder der englischen Stilikone James Bond. Einmal ist der Geheimagent dargestellt vom kürzlich verstorbenen Sean Connery (der, zugegeben, ein Schotte ist), lässig an einen Aston Martin gelehnt. Ein weiteres Mal ist Bond vom waschechten Engländer Daniel Craig in Szene gesetzt. Natürlich sind die Bilder in Schwarz-Weiß.

Herr Zaurins, ich möchte mit einer für einen in Hamburg geborenen anglophilen Menschen, der wie Sie das Understatement pflegt, unfairen Frage beginnen: Was macht Sie so besonders, verglichen mit anderen? 

Zaurins: Weil ich einer der letzten alten voll ausgebildeten und erfahrenen Schneidermeister in Deutschland bin. Ich habe ja noch die alte ­Maßschneiderei kennengelernt, beherrsche aber auch die Maßkonfektionsschneiderei.

Wie lange üben Sie diesen Beruf jetzt aus?

Zaurins: Ich bin seit 31 Jahren durchgehend Maßschneider und knapp 33 Jahre in der Modebranche. Das finden Sie in Deutschland mittlerweile höchst selten. 

Wie sah Ihr Ausbildungsweg aus?

Zaurins: Ich schloss 1993 meine Ausbildung bei Georg Meinhold, Hamburgs bedeutendstem Maßschneider der letzten 40 Jahre, mit der Note 1 ab. Von 1993 bis 1996 war ich während meiner Gesellenjahre zuerst bei Meinhold, danach bei Oskar Lenius und zuletzt bei Tom Reimer. Alles in Hamburg.

Ihre Abschlussprüfung machten Sie dann aber in Düsseldorf, oder?

Zaurins: Richtig, 1997 habe ich dort meine ­Herrenschneidermeisterprüfung abgeschlossen.

Wie ging es für Sie weiter?

Zaurins: 1997 habe ich bei Willi Staben als ­Leiter seiner Maßschneiderei angefangen. Bis zum Jahr 2006 habe ich dann Einführung, Aufbau und Leitung der Maßkonfektion des Hauses Staben betreut.

Und seit dieser Zeit sind Sie hier, in den aktuellen Räumlichkeiten?

Zaurins: Genau. Im Jahr 2006 habe ich mich als „Zaurins The Tailor“, hier in der Rathausstraße, selbstständig gemacht.

Was bieten Sie ihren Kunden hier an? 

Zaurins: Ich biete in meinem Geschäft sechs, sieben verschiedene Stile an. 

Das ist eine recht üppige Auswahl. Welche ­Stile sind das, und welche werden momentan am meisten nachgefragt?

Zaurins: Junge Leute wollen beispielsweise moderne Anzüge haben, enge Schnitte, kurze Sakkos, schmale Hosen, puristisch vom Design. Auch der norditalienische Stil, wo ich Sie auch verorten würde, die „Mailänder Linie“ also, wird sehr viel nachgefragt.

Tatsächlich? Danke für das Kompliment, mit italienischem Schnitt verbinde ich eher einen schlanken Körper …

Zaurins: Das war ehrlicherweise nicht als Kompliment gedacht, sondern vielmehr als Feststellung. Der Anzugstil ist de facto keine Frage der Körperform, also wie der Kunde gebaut ist, sondern immer eine Frage der Individualität, des Typs. Die Körperform spielt keine Rolle.

Ich verstehe. Kommen wir zurück zu den Stilen, die Sie anbieten. Was ist zum Beispiel mit dem deutschen Stil?

Zaurins: Der ist fast ausgestorben, muss ich sagen. Früher wurde das zu 80 Prozent nachgefragt, heute sind es vielleicht noch zehn.

Was macht den deutschen Stil aus?

Zaurins: Er ist komfortabel, weit geschnitten, einfach und schlicht.

Was haben Sie noch im Portfolio?

Zaurins: In den letzten Jahren wird sehr viel der neapolitanische Stil nachgefragt, der ist individueller, extrovertierter und hat ein paar Feinheiten im Design. Er wird aber in der Regel nur von Kunden nachgefragt, die sich intensiver mit Mode auseinandersetzen und sich auskennen.

Und der klassisch-englische Anzug? Der ist In einer Stadt wie Hamburg, die erkennbar anglophil ist, doch sicher auch ein Renner.

Zaurins: Das stimmt. Wobei das eher für mittelalte und ältere Kunden gilt. Die Jüngeren ­bevorzugen – wie bereits erwähnt – die italienischen Schnitte. Dann biete ich noch einen puristischen Stil an, der wird von der Avantgarde nachgefragt, von Künstlern beispielsweise.  

Trägt man – oder besser: Ihre Kunden – eigentlich noch Zweireiher?  

Zaurins: Doch, doch, absolut. Die haben sich im Laufe der Jahre auch im Schnitt und Design verändert, werden aber immer noch nachgefragt. Ich trage selber Zweireiher, allerdings ein bisschen umgearbeitet, deswegen sitzen die etwas enger. Nicht so wie vor 15 Jahren, heute sind Zweireiher deutlich lässiger und cooler. 

Spielen wir doch einmal das Procedere des Anzugkaufs durch: Ich komme also in Ihren Laden, und wir reden miteinander. Und Sie empfehlen mir dann zum Beispiel die ­„Mailänder Linie“ … 

Zaurins: Ja, wir unterhalten uns miteinander, aber dabei geht es dann zuerst einmal um die Stofffrage. Meistens haben die Kunden da schon sehr klare Vorstellungen. 

Da gibt es bei Ihnen ja ein bisschen Auswahl, wenn ich mich so umschaue. Wie viele verschiedene Stoffe haben Sie hier?

Zaurins: Schwer zu sagen. Es müssten so an die 10.000 unterschiedliche Stoffe sein. Ohne Übertreibung würde ich behaupten, dass ich die größte Stoffauswahl in Hamburg habe, für einen Maßschneider vielleicht sogar in ganz Deutschland. 

Nach erfolgreicher Stoffauswahl – die vermutlich ein bisschen dauert – legt man dann das Design fest?  

Zaurins: Genau, im Anschluss besprechen wir den Stil. Was passt zum Kunden? Welche Vorstellungen hat er, und welche Ratschläge kann ich ihm dazu geben?

Und werden Ihre Ratschläge dann vom Kunden auch angenommen? 

Zaurins: Ja, schon. Aber ich muss sagen: Vor 20 Jahren konnte ich das noch nicht, Kunden so auf den Punkt beraten. Das habe ich alles erst im Laufe der Zeit gelernt.

Im nächsten Schritt nehmen Sie klassisch Maß?

Zaurins: Ja, dann wird mit den Probiergrößen Maß genommen – damit kann ich den Schnitt bei normalen Körperformen auf fast 100 Prozent genau bestimmen. 

Also nicht bei 200-Kilo-Kunden mit Rundrücken? Ich übertreibe bewusst …

Zaurins: Nein, das wäre praktisch unmöglich zu bestimmen, aber der von Ihnen genannte Kunde ist auch eher selten. Bei normalen Körperformen kann ich den Schnitt nahezu perfekt angeben. Da profitiere ich sehr von meiner Erfahrung. Nach der Anprobe wird dann der Anzug genäht, ­danach nochmals anprobiert, und in der Regel muss ich dann nur noch minimale Nachänderungen vornehmen. Meist sitzt der erste Entwurf. Entscheidend ist für mich immer, dass der Kunde hundertprozentig zufrieden ist. Ist er das nicht, dann wird solange dafür gearbeitet, bis er es ist.

Der Kunde ist König?

Zaurins: Selbstverständlich. Mein Kunde ist meine Referenz, und ein zufriedener Kunde ist meine beste Werbung. Ich habe in meinen über 30 Jahren als Maßschneider über 10.000 Anzüge gefertigt – und es gab so gut wie nie Beschwerden oder Reklamationen. Das soll auch so bleiben.

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