Der Look des Jahres

Man kannte das früher nur aus Asien: Menschen, die mit Mund- und Nasenschutz in der Stadt unterwegs sind. Heute ist der Mund- und Nasenschutz weltweit zum Alltagsgegenstand geworden, fast so präsent wie das Smartphone. Die meisten haben sich daran gewöhnt, und manche nutzen die Maske als sogar modisches Statement.

Für die Modebranche wurde die Maske zum Notnagel. Als nichts mehr ging, weil alles dicht war, stellten viele Firmen, die noch selbst nähen, von Wäsche oder Krawatten auf Mundschutz um. Auch Maßschneider, Hemdenmacher und Maßkonfektionäre nutzten den Leerlauf in der Zwangspause, um Stoffmasken zu fertigen. Wenn man den Kunden schon keinen Anzug verkaufen kann oder die Anprobe verschoben werden muss, kann man sich mit einer Stoffmaske in auf nette Weise in Erinnerung bringen. Als die Läden endlich wieder öffnen durften, ging das nur unter Auflagen: ­Mindestabstand, Hygienemaßnahmen – und mit Masken. Verkäufer mussten lernen, wie man Kunden auf Distanz bedient und mit den Augen lächelt. Der Maßkonfektionär Cove & Co. zeigte bei Instagram Fotos, wie Kunden und Schneider beim Maßnehmen in extra angefertigten Plexiglaskabinen geschützt werden.

Die erste Phase der wilden Improvisation scheint vorbei, Masken und Schutzmaßnahmen haben nicht mehr den DIY-Charme der Anfangszeit. Der anfängliche Maskenmangel scheint behoben, bei Discountern und in Drogeriemärkten liegen billige Mund- und Nasenschutzvarianten in Kassennähe neben Kaugummis und Schokoladenriegeln. Und wie immer macht die Mode aus der Not einen Trend. Die anfangs als hässlich empfundene Schutzverkleidung wird zum schicken Accessoire. Masken gibt es mit Logos und mit aufgedruckten Statements, mit lustigen Motiven bedruckt oder mit furchterregenden Fratzen. Es gibt sie als Zugabe zum Maßhemd aus dem identischen Stoff genäht, mit Gummibändchen oder zum Zuschnüren und sogar mit Sichtfenster aus Kunststoff, um Gehörlosen das Lippenlesen zu ermöglichen. Und wer es klassisch und elegant mag, bekommt die Maske bei Auerbach Berlin sogar aus Seide. Und dazu natürlich auch gleich die passende Krawatte oder Schleife.

Auerbach Berlin ist als Lokalmatador gestartet, die Krawattenmanufaktur betreibt inzwischen Läden und Shop-Shops an elf Standorten in ganz Deutschland. Die Filiale in den Hackeschen ­Höfen in Berlin ist das Aushängeschild für die handwerkliche Seite des Unternehmens, dort kann man in der gläsernen Manufaktur Krawatten und Schleifen nach Maß bestellen und beim Zuschnitt dabei sein. Bei den Maßbestellungen geht es überwiegend um die optimale Passform, erklärt Martin Loges, der Shop-Manager in der Filiale im Bikini Berlin. Wer besonders groß ist, schätzt, wenn die Krawatte auch bei ihm bis an die Gürtelschließe reicht.

Wir sind mit Jan-Henrik Scheper-Stuke verabredet, dem Geschäftsführer/CEO und obersten Markenbotschafter des Hauses. Als die Läden schließen mussten, hat er praktisch über Nacht die Produktion auf Masken umgestellt. Seine Direktrice Dagmar Hartmann, die seit vielen Jahren die Maßkrawatten zuschneidet, hat sich beim Zuschnitt der Masken fast ihr Handgelenk ruiniert. „Ich musste sie förmlich zwingen, ein elektrisches Messer zu verwenden“, erklärt Scheper-Stuke. Mittlerweile ist sie froh über die Erleichterung. Denn die Nachfrage reißt nicht ab. Es ging damit los, dass ihr Chef abends ein paar Masken in den Online-Shop gestellt hat, über Nacht waren 52 Stück verkauft. Und per Mail war eine Bestellung über 2.000 Masken von einer Spedition reingekommen. Scheper-Stuke klapperte in Berlin die Kurzwarenläden ab, um die Manufaktur mit Zutaten für die Masken zu bevorraten. Die Stoffe, die er für die normale Kollektion am Lager hatte, wurden für die Masken eingesetzt. Die Kernbesetzung reichte bald nicht mehr aus, Auerbach Berlin musste zusätzliche Näherinnen finden. Inzwischen ist die Produktion gesichert und läuft stabil, nach wie vor kommen die Masken alle aus Berlin. Allerdings sind die Nähmaschinen, an denen sie gefertigt werden, über die ganze Stadt verteilt.

Wer die Auerbach-Filiale im Bikini Berlin kennt, wird beim ersten Hinsehen gar keinen Unterschied zu früheren Zeiten bemerken. Die Gesichtsmasken fallen zwischen den Krawatten, Schleifen, Ascots, Einstecktüchern und Cummerbunds gar nicht auf. Die Auswahl an Motiven und Mustern ist verblüffend, es gibt sie mit Vögeln, Blumen, Pünktchen und Paisleys, mit Lilien und Elefanten, Rauten und Rosen, Totenköpfen, ­Teddybären oder Autos. Mit Camouflage und in Knallfarben, mit Schottenkaros und Pepita. Kurz: Alles, was man als Krawatte bekommt, gibt es hier auch als Maske.

Eine Besonderheit sind die seidenen Gesichtsmasken, die entweder als Einzelstück oder im Set mit Schleife oder Langbinder zu haben sind. Jan-Henrik Scheper-Stuke und Martin Loges öffnen einen großen Deckel der Vitrine, die als Ladentisch dient. Darin liegen die seidenen Masken eng nebeneinander einsortiert. Scheper-
Stuke, der sich beim Betreten des Ladens sofort vorschriftsmäßig maskiert hat, zieht eine Seidenmaske heraus. „Wir haben eine Weile mit dem Schnitt experimentiert“, erklärt er und gesteht, dass er sich für die allerersten Masken aus seiner Näherei heute fast ein wenig schämt: „Wir mussten bei Null anfangen, unsere Kompetenz liegt bei Krawatten und Schleifen.“

Inzwischen ist er sehr zufrieden mit dem Produkt. Die Falten erinnern an einen Cummerbund, das Bändchen, das die Maske hält, ist farblich auf den Stoff abgestimmt. „Die Seidenmaske kann man natürlich nicht waschen, nur chemisch reinigen“, betont Scheper-Stuke. „Die Innenseite aus Baumwolle kann man zwischendurch mit dem Dampfbügeleisen plätten, die Hitze tötet alle Keime“, ergänzt der Store-Manager. Die Seidenmaske ist allerdings auch eher ein edles Accessoire. Sie ist bei großer Hitze zu warm und, je nach Webart der Seide, nicht ganz so luftdurchlässig wie die Baumwollmasken. Wer keinen Auerbach-Store in der Nähe hat, kann die Masken online kaufen. Sie werden dort am Kopf einer Büste präsentiert, die einen Bowler trägt. Die Namen der Maskenmodelle dichtet der Chef persönlich, sie beweisen viel Sinn für Wortwitz, eine Vorliebe für klassische deutsche Fernsehunterhaltung der 70er und 80er Jahre und eine gute Kenntnis der Werke Loriots. Übrigens gibt es im Shop auch Gesichtsmasken in Kindergröße zu einem etwas geringeren Preis, Sonderbestellungen in Übergrößen sind ebenfalls möglich. „Einfach per E-Mail anfragen“, empfiehlt Scheper-Stuke. Und weist am Ende auch noch auf ein Modell aus Tweed hin: „Für jeden die passende Maske“.

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