Vom ostdeutschen Untergrund zur irischen Spirituosenbranche: Die außergewöhnliche Karriere eines deutschen Unternehmers mit Gespür für das Besondere
In einem unscheinbaren Hinterzimmer der Hildegard Bar in Berlin-Charlottenburg sitzt Fritz Hendrick Melle – ein Mann, dessen Lebenslauf die deutsche Zeitgeschichte auf bemerkenswerte Weise spiegelt. Geboren 1960 im damaligen Karl-Marx-Stadt, heute Chemnitz, beschritt er einen Weg, der sich jeder konventionellen Kategorisierung entzieht.
Widerspenstiger Geist in der DDR
Die Ausbildung zum Papiermacher bildete lediglich das Fundament für eine beeindruckende berufliche Odyssee: Fahrer, Heizer, Totengräber – Stationen eines Werdegangs, der sich beharrlich dem Konformitätsdruck der DDR widersetzte. Sein Theologiestudium endete nach vier Semestern, doch im kreativen Untergrund fand Melle sein erstes Betätigungsfeld. Mit illegalen Zeitschriften und der „Kriminellen Tanzkapelle" forderte er das System heraus, bis er 1985, vier Jahre vor dem Mauerfall, die Ausreise in den Westen erwirkte.
Vom literarischen Debüt zur Werbeikonografie
Im wiedervereinigten Deutschland entfaltete Melle sein kreatives Potenzial zunächst literarisch. Sein Erstlingswerk „Richtiges Leben" (1990) markierte den Anfang einer Reihe von Publikationen, bevor er 1993 gemeinsam mit einem Partner die Werbeagentur Melle•Pufe gründete. Deutschlands Konsumlandschaft wurde nachhaltig geprägt durch seine Arbeit – wer kennt nicht den Slogan „Berlin, du bist so wunderbar" für Berliner Pilsner?
Unternehmerische Diversifikation mit irischem Fokus
Die eigentliche Zäsur in Melles Karriere erfolgte 2014 mit der Gründung der Beteiligungsgesellschaft Private Pier Industries zusammen mit Stefan Hansen. Was als Produktion von Premium-Hundefutter in Irland begann, entwickelte sich zu einem multinationalen Unternehmensportfolio, das neben einem Fashionlabel auch die Whiskey-Marke Grace O'Malley umfasst.
„Eher so zufällig", beschreibt Melle den Einstieg in die Spirituosenbranche. Die Verbindung zu Irland entstand durch Hansens Affinität zum irischen Rugby. Ein Telefonat mit dem damaligen Inhaber der Markenrechte an Grace O'Malley öffnete die Tür zur faszinierenden Geschichte der irischen Piratin und Rebellin aus dem 16. Jahrhundert.

Grace O'Malley: Historisches Erbe als Markenkern
Die historische Figur Grace O'Malley (1530–1603), eine gegen die englische Krone aufbegehrende Freiheitskämpferin, bildete den perfekten narrativen Rahmen für Melles Vorhaben: „Mein erster Gedanke war: Go for it! Die Story, die Person – perfekter geht es kaum. Und so kamen wir auf die Idee, den ersten Whiskey zu machen, der nach einer Frau benannt ist."
Mit der marketingtechnischen Vision fest im Blick, fehlte nur noch das passende Produkt. Durch Vermittlung gelangten Melle und Hansen zu John Teeling, einer Autorität der irischen Whiskey-Szene. Ein gemeinsames Treffen, das sich überwiegend um Rugby drehte, endete mit Teelings lakonischer Anweisung an einen Mitarbeiter: „Verkauft den Jungs, was sie wollen."
Qualität als Unternehmensprinzip
Doch Melle und Hansen wollten mehr als nur abgefüllten Whiskey unter eigenem Etikett vertreiben. „Man sagt: 80 Prozent ist das Fass, 20 Prozent das Destillat", erklärt Melle den komplexen Prozess der Whiskey-Herstellung. Die Zusammenarbeit mit dem renommierten Masterblender Paul Caris – einem Experten, dessen Reputation den beiden Neueinsteigern zunächst unbekannt war – führte zur Kreation eines distinktiven Produkts, das verschiedenste Fassnoten vereint.
Ein Kapitel in einer fortwährenden Odyssee
Grace O'Malley repräsentiert den vorläufigen Höhepunkt in der facettenreichen Biografie Fritz Hendrick Melles – eines Mannes, der die politischen und kulturellen Bruchlinien der jüngeren deutschen Geschichte nicht nur durchlebt, sondern aktiv mitgestaltet hat. Vom DDR-Dissidenten zum erfolgreichen Unternehmer mit internationalem Portfolio: Melles Geschichte verkörpert die transformative Kraft des Nonkonformismus.
Sein Lebensweg bleibt jedoch unabgeschlossen – weitere unternehmerische Projekte sind bereits in Planung. Es erscheint als charakteristisch für dieses perpetuum mobile des deutschen Unternehmertums, dass selbst die Kreation einer preisgekrönten Whiskey-Marke nur ein weiteres Kapitel in einer fortlaufenden Erzählung darstellt.